Narbenstock

Irgendwann kam in der sogenannten „Blogosphäre“ die Frage auf:

„Welche Narben hab ihr denn so?“

Ich hab da das eine oder andere Erlebnis das sprichwörtlich unter bzw. durch die Haut gegangen ist, und finde es erstaunlich das wie gut ich mich an die jeweiligen Begebenheiten erinnern konnte…

Da wäre eine Y-förmige Narbe an der Unterlippe, mittig Rechts: Ich war noch recht klein, und lief meinem $BRIEDERCHEN, der sich eines Sommertages vor unserer Haustüre als Baseballstar versuchte in die Keule. Bei dieser handelte es sich eine alte Holzlatte, ca. einszwanzig lang, gut trocken und mit den üblichen harten Kanten. Der lange rostige Nagel ging glücklicherweise in die andere Richtung…
Lippe auf.
Geblutet wie SAU.

Eine unregelmäßige flächige Narbe, etwas oval, 3-4cm lang und ca. 5mm breit am linken Schienbein, etwa 2 Handbreit unter dem Knie: Sylt, Kur, Sommer 1990, Ich wetz im Laufschritt mit zwei Kumpels aus meiner Gruppe von Westerland zurück zur Klinik. Es nieselt ein bisschen. Das Pflaster vorm Eingang zum Stiefelkeller ist rutschig. Was Ich aber erst bemerke als Ich bereits der Fliehkraft zum Opfer gefallen bin. Ich rutsche aus, im Durchgang zum Hof, der von einem recht massiven Gittertürchen aus verzinktem Vierkantstahlrohr abgeriegelt wird. Wäre diese Tür nicht gewesen, hätt Ich nur blaue Flecken und leichte Abschürfungen davon getragen. Aber irgendwie hat mein Bein die Türkante getroffen, was ein ziemlich hässliches und auch recht tiefes Loch riss. Oder hobelte. What ever. War ziemlich benommen. Meine beiden Kumpels wetzen hoch, wollen Sani rufen. Ich wollte aber nicht auf den Lift warten der uns in der Krankenstation abgesetzt hätte und bin die Treppe rauf gehumpelt. Zwei oder drei Stockwerke. Ich kam grad um die Ecke als die beiden aus dem Lift stiegen! Kommentar: Oh Mann, der ist schon oben…
Schienbein war fast bis auf den Knochen auf.
Hat geblutet wie SAU.

Eine ovale Narbe am rechten Oberschenkel, aussen, ca 3cm lang und 1cm breit: hier wurde Mir ein gut 1cm grosser Leberfleck in einem absoluten schlampigen Metzgerjob von einem Chirurgen entfernt, weil verdacht auf malignes Melanom. War aber gutartig.
Hat geblutet wie SAU.

Blinddarmnarbe: Ich war 10 oder 12. Mir war nicht gut, blass, kein Appetit. Mein Opa lag zu der Zeit mit Herzproblemen flach soweit Ich noch weis und unser Hausarzt machte einen Hausbesuch. Da er schonmal da war, bat ihn meine Mom, doch einmal nach Mir zu sehen. Er guckt Mich an, fragt Mich ein paar Sachen, runzelt seine eh schon zerfurchte Stirn. Er tastet meinen Bauch ab und fragt Mich obs weh tut. Ich spürte nichts. Er drückt seinen Daumen tiiief in meinen Unterbauch, auf der rechten Seite. Und lässt ruckartig wieder los. Ich steh fast senkrecht im Bett, weil TUT WEH! Lakonischer Kommentar vom Doc Kramer: Ab ins Krankenhaus. Und zwar sofort. Meine Eltern fahrn Mich nach Kusel ins Kreis-KH. Ich werde gecheckt: Kurz vorm Blinddarmdurchbruch, sofort in den OP. Ich weis noch wie Ich mit dem Anästhesisten geredet hab und mitten im Satz das Licht ausging. Als Ich wieder wach werd ist Mir im wahrsten Sinne des Wortes speiübel. Die Narbe ist schnurgerade. Wie mit dem Lineal gezogen. Wurde getackert und nicht genäht.
Hat bestimmt auch geblutet wie SAU.

Meine Ausbildung zum Einzelhandelkaufmann (im Einzelhandel für Eisenwaren, Werkzeuge etc.) hat auch so einige Spuren hinterlassen…

1. Lehrjahr: Eine kleine Narbe an der Wurzel des linken Daumens. Ursache: Sägewunde! In dem Laden in dem Ich meine Lehre machte, wurde auch Kupferrohr als Meterware verkauft. Was im Klartext bedeutet: Metermaß und kleine Metallsäge schnappen, raus ins Lager, abmessen, absägen. Soweit kein Problem und nach einer Weile absoluter Routinejob. Bis sich dann mal die Säge verkantet, abrutscht, und über die linke Hand unterhalb des Daumes ratscht. gut 15mm lang, Sehr regelmäßig und vielleicht 1,5mm breit. Hat erstmal NICHT geblutet. Aber dann doch ziemlich! Und SAUWEH getan! Und noch Glück gehabt, weil die Säge etwa 3mm vor einer der Adern des seitlichen Handrückens das Fleisch wieder verlies.
Hätte bestimmt geblutet wie SAU.

2. Lehrjahr: ca. 2cm lange, bogenförmige Narbe, am linken Handgelenk, unterhalb der Daumenwurzel. Ursache: Glättkelle! Wir verkauften ja Werkzeuge, unter anderem auch diese Blechteile mit Griff dran, die man dazu benutzt um frischen Putz nach dem Auftragen glatt zu ziehen. Deswegen auch Glättkelle genannt. Mein Dad war damals irgendwas am Bauen zu Hause, und brauchte eine neue Glättkelle. Da es mehrere Versionen von den Teilen gibt, brachte Ich zwei zur Ansicht mit nach Hause. Und nahm eine davon später wieder mit in den Laden. Ich steig auf dem Parkplatz aus dem Auto, beuge Mich nochmal in die Karre rein, halte Mich dabei mit Links am Lenkrad fest und greife nach der Kelle auf dem Beifahrersitz. Über den Fahrersitz wohl gemerkt. Und auf dem Weg nach draussen bleibt die Kelle am Lenkrad hängen, fällt wie ein Stein nach unten und ratscht an der linken Hand vorbei. Glättkellen sind im Prinzip nur ein Stück Stahlblech, etwa 3mm dick, mit verdammt scharfen Kanten. Die brauchen sie auch, damit der Putz schön glatt wird. Mit den Dingern kann man aber auch gut jemandem die Kehle durchschneiden. Die Kelle traf das Handgelenk mit einer der Ecken und riss ein tiefes Loch, aus dem sehr schnell dunkelrot der Lebenssaft quoll. Sehr knapp über der Pulsader. Wurde genäht mit drei Stichen.
Hat geblutet wie SAU.

3. Lehrjahr: kleine, wulstige Narbe, an der innenseite der Haut zwischen linken Daumen und Zeigefinger. Ursache: Seitenschneider! Wir hatten auch Ketten als Meterware im Sortiment. Dünne und Dicke, aus Messing, Eisen und Stahl. Ein Kunde wollte ein Stück dünne Knotenkette haben. Das sind Ketten deren Glieder nicht verschweisst, sondern regelrecht geknotet sind. Solche Ketten werden z.b. für Grillroste verwendet, die am Schwenker über der Feuerstelle baumeln. Da diese Ketten recht dünn sind, braucht man dafür keinen Bolzenschneider. Ein kräftiger Seitenschneider reicht da völlig. Man misst also die Kette ab, und weils grad ein bissel schnell gehen muss, setzt man den Seitenschneider schnell an und drückt ihn zu. Die Kette läuft dabei zwischen Daumen und Zeigefinger über die Handfläche. Na? Dämmerts? Mit einem trockenen KNACK! bricht die Kette zwischen den gehärteten Stahlbacken des Seitenschneiders. Ich wickel das abtrennte Teil zusammen und wunder Mich wo plötzlich die rote Farbe auf dem Boden herkommt. Weh getan hats erst nach einiger Zeit, war mehr eine Quetschung als ein Schnitt, der Seitenschneider hatte zum Glück nur mit den Spitzen ein Loch in die Haut gebissen.
Hat geblutet wie SAU.

Ich bin froh das Ich keinen Beruf erlernt habe, in dem Ich die ganzen Werkzeuge auch hätte einsetzen müssen. Wahrscheinlich hätte Ich heute nicht mehr alle Finger. Soll nicht bedeuten das Ich ein Handwerklicher Vollhonk bin. Ich neige stellenweise halt einfach zu kleinen Unfällen. Mit Messern zum Beispiel.

Linker Zeigefinger. Kleine Narbe vom hinteren Nagelbett an seitlich Abwärts: Ich sage nur Brotmesser. Das grosse. Die Säge aus dem Messerblock. Mit den scharfen Zähnen. An einer etwas zu crossen Brotkruste abgerutscht und den Finger erwischt.
Blut.
Ihr wisst schon.
Wie SAU.

Oder der linke Ringfinger, auf dem Mittelgelenk. Kleine schmale, leicht gebogene Narbe genau in der Mitte: Ein Klappmesser von Herbertz, scharf wie Pumascheisse. Passiert, als Ich die Auslage der Messervitrine an der Kasse im Laden neu bestückte und Mir das Messer näher ansehen wollte. Aber ausprobieren wollte Ich es eigentlich nicht. Schon garnicht an Mir selber. Ein Stück tiefer und das ganze wäre wohl ein Fall für einen Feinchirurgen geworden oder so.
War auch blutig.
Und zwar SAUIG!

Das sind so die Narben an deren Entstehung Ich Mich überraschend gut erinnern kann. Es gibt natürlich auch noch eine Unmenge anderer Narben, die mit Unfällen oder Missgeschicken leider nichts zu tun haben, sondern viel mehr mit meiner Hautgeschichte. Ich bin ja Neurodermitiker, und habe sehr häufig entzündete eitrige und recht dicke Pickel, vorallem auf Schultern und Rücken. Da Ich dummerweise zu den Leuten gehöre, die die Finger nicht von den Teilen lassen können, sind meine Schultern von einem Geflecht feiner Narben bis hin zu kleinen regelrechten Kratern überzogen, die man meist dann sieht, wenn die Haut etwas Sonnenbräune erzeugt. Des weiteren neige Ich zu einwachsenden Haaren. Unschöne Sache das. Aber unblutig. Meistens…

Und dann wären da noch etliche seelische Narben.
Vielleicht erzähle Ich von diesen irgendwann einmal.
Diese Wunden bluteten niemals.
Taten aber am meisten weh.

 

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