Kilometer fressen

Was für eine Woche. Ich hatte Spätschicht und die Woche war bis einschliessliche Donnerstag unglaublich stressig. Viele unvorhergesehene Probleme durch ein OS-Upgrade der Kundenserver und daher ein sehr hohes „Callaufkommen“ mit ganzen Bandbreite an Stresskunden. Dazu ein relativ hoher Krankenstand. Einfach nur BÖSE.

Am Donnerstagabend dann, nach 22 Uhr, es ist dunkel und es regnet. Ich bin hochgradig genervt, kann und will irgendwie noch nicht gleich heim. Aber für ein Feierabendbierchen bin Ich zu genervt und das Kopfkino geht wüst rund und Ich hab auf LEUTE keinen Bock.

Ich fahr ziellos durch die Stadt, mit den Gedanken komplett wo anders, neben Mir, leer in der Brust und ausgepumpt im Kopf. Eine Hand am Lenkrad, die andere am Radio, einen Sender suchen in dem irgendwas brauchbares läuft. Aber kaum find Ich was, ist der Song auch schon gleich vorbei, oder es labert irgendeine Moderatorenhunze rein, oder der nächste Song ist einfach nur SCHLECHT. Mir ist kalt und die Heizung kommt nur langsam auf touren.

Schliesslich trägt es Mich auf die Autobahn. Raus aus der Stadt. Weg von den Lichtern. Ins dunkel der nassen Strasse in einer stürmischen Nacht, wo sich der Kosmos reduziert auf den innenraum des Autos und den Lichtkegel davor, der zum Tunnel wird als Ich den Fuss aufs Gaspedal herabsenke und bis zum Anschlag durch trete. Der Drehzahlmesser zuckt nach oben, 2000, 3000, 4000, 4500, der Tacho steigt schnell und gleichmäßig, während die Maschine hochdreht und den schweren Wagen beschleunigt. 100, 120, 150, 160, 180, der Motor röhrt heisser, das Lenkrad vibriert leicht. Das rauschen der Heizung, das Brausen des Fahrtwindes an der Karrosserie, das kernige Röhren des Motors bilden einen schützenden Kokon aus weissem Rauschen in dem das Radio untergeht. Ich schalte es ab. Die Markierungen werden zu einem durchgehenden grauen Streifen, die Welt besteht nur noch aus der Nassgrauen Fahrbahn die aus der Dunkelheit auf Mich zu schiesst und unter der Motorhaube verschwindet. Der Regen, zerstäubt in Myriaden funkelnder Tropfen, wischt waagrecht an Mir vorbei. Die Zeit steht still, in diesem Warptunnel aus Rauschen, Licht und Geschwindigkeit. Andere Fahrzeuge nehme Ich nur als vorbeihuschende rote Streifen wahr. Für die nächsten 20 Kilometer bin Ich nur ein Teil einer perfekt ablaufenden Maschinerie aus Stahl, Glas, Gummi und Benzin.

Ich nehme die nächste Ausfahrt, wieder runter auf die Landstraße und zurück nach Hause. Die Heizung hat den innenraum des Autos aufgeheizt. Trocken, heiss, wüstenartig. Ich drehe die Heizung runter und schalte das Radio wieder ein. Ich finde auf Anhieb einen Sender in dem gute Musik läuft. Noch eine Zeit lang fahre Ich durch die Nacht, über die Dörfer in Richtung Zweibrücken. Ich strecke Mich im Fahrersitz, spüre wie die Wirbel und Gelenke sich knirschend entspannen. Dann läuft plötzlich ein Song bei dem Ich richtig gut mitsingen kann.

REM – Everybody hurts.

Und der Knoten in der Brust löst sich und Ich kann wieder tief durchatmen. Der Nebel im Kopf löst sich auf und angenehme Müdigkeit stellt sich ein.

Offenbar hab Ich einen Oldiesender mit richtige guten ollen Kamellen erwischt, denn zu den Klängen von Jimmie Hendrix heisserem Gitarrensound fahre Ich nach ZW rein, zurück in die warmen Lichter der Stadt, zurück auf die geheimnissvoll glänzenden Strassen, wieder zurück ins Leben. Ich bin wieder zurück auf der guten alten Erde. Ich bin wieder zu Hause.

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