Abschied

Ich habe Mich heute von Meiner Mom verabschiedet und bin gerade ziemlich durch den Wind. Sie hat Krebs im Endstadium. Das klingt so unglaublich nüchtern. Endstadium. Es erweckt den Eindruck als könnte man diesen allerletzten Abschnitt zeitlich fest bemessen. Als wüssten wir nicht nur, DAS Mom stirbt, sondern auch WANN, so als hätte man den Fahrplan des Lebens an der Wand hängen. Aber wie sollte man es sonst gross ausdrücken. Sie wird ganz sicher sterben. Wahrscheinlich schon in wenigen Stunden oder Tagen. Die Diagnose kam vor nicht ganz zwei Jahren. Dann das volle Programm, Operationen, Chemotherapie, Krankenhaus, wieder nach Hause, dann wieder Krankenhaus und von vorn. Alles für die Katz. Und man stellt fest wie schrecklich hilflos man selbst ist. Das man einfach nur zu sehen kann. Zu sehen dabei, wie Sie immer weniger wird, und innerhalb einiger Wochen um Jahrzehnte altert, mittlerweile nur noch dahin dämmert und zu schwach zum sprechen, zum sich bewegen ist. Diese unsägliche Ohnmacht, nichts tun können zu spüren und zu erkennen das Sie aufgegeben hat und nicht mehr will. Das tut unglaublich weh. Auf allem liegt ein Schatten und die eigenen Problemchen werden plötzlich so unglaublich winzig und irrelevant. Man wartet einfach nur noch auf den einen entscheidenden Anruf und läuft dabei seinen eigenen Kurs weiter und funktioniert funktioniert funktioniert, denn das Leben geht ja weiter. Es hat Sie mitten aus dem diesem Leben gerissen mit gerade mal 59. Und Sie wird keine 62 mehr, ausser irgendein grausamer Gott will es so. Sie hatte noch so viel vor. Und dann steh Ich an Ihrem Bett, halte Ihre Hand, die nur noch Haut und Knochen ist, spüre diese fiebrige Hitze in Ihr. Mama ist ausgemergelt, ausgezehrt… regelrecht aufgefressen von einer der schrecklichsten Krankheiten die unsere Zeit kennt. Was sagt man in diesem Moment? Leb wohl? Machs gut? Gute Reise? Niemand kanns Mir sagen und Ich folge einfach nur meinem Bauchgefühl. Ich sage etwas von dem Ich glaube es bislang noch nie zu Ihr gesagt zu haben. Etwas das jeder seinen Eltern und ganz besonders seiner Mutter ab und an mal sagen sollte, ganz egal wie man sonst zu einander steht:

Ich hab Dich lieb, Mom

Warum müssen wir immer erst jemanden verlieren um zu erkennen was wir an ihm hatten?

Nachtrag:

Heute, 19.06.2008, gegen 16 Uhr, war es vorbei. Sie ist friedlich eingeschlafen und hat es überstanden. Sie hat sich einen wunderschönen Tag mit gutem Reisewetter ausgesucht. Und es ist Vollmond, das Tor ist weit offen und Sie wird gut hinüber kommen.

Gute Reise, Mom.

18 Gedanken zu “Abschied

  1. Ich habe lange überlegt, aber es gibt nichts wirklich tröstendes, das man hier sagen könnte.
    Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie schwer es ist, ein Elternteil zu verlieren. Mein Vater starb plötzlich aber vorbereitet ist man nie. Ich denke, du hast ihr das einzig richtige gesagt was in dieser Situation zu sagen war:
    Ich hab dich lieb.
    Natürlich kann ich nur vermuten was ein Mensch in dieser Situation hören will, aber ich vermute, das war das Beste was du sagen konntest.
    Jetzt kannst du sie nur noch stolz machen.
    Funktionieren ist eine Sichtweise der Dinge, die andere ist es, um etwas zu kämpfen und ihr einen Erfolg zu widmen. Nicht melodramatisch, nicht aufsehenerregend. Einfach nur etwas tun und danach, ganz für dich alleine, „schenckst“ du ihr diesen Erfolg, widmest ihn ihr.
    Und wer weiss, vielleicht kannst du ja noch mal hinfahren und es ihr sagen?

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  2. Ich würde Dich jetzt am liebsten mal in den Arm nehmen.

    Der letzte Abschied ist immer sehr schwer, und viele (ich eingeschlossen) verstehen oft nicht die Grausamkeit des Schicksals. Ich habe beruflich so viele schon sterben sehen, so viele und ihre Angehörigen begleitet, doch es ist jedesmal für alle ein schwerer Weg. Und sitze ich dann selbst mal wieder da, weil in meiner Familie jemand gestorben ist, dann bin ich doch nicht der professionelle Pfleger, sondern der weinende Hinterbliebene.

    Du wirst jetzt viel Kraft brauchen, diese wünsche ich Dir.

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  3. Das tut mir sehr sehr leid!!!! Ich wünsche dir viel Kraft, das alles durchzustehen!

    Zu deinem letzten Satz bzw deiner Frage: Das muss man nicht! Und das sollte man auch nicht! Es sollte einem ejden Tag bewusst werden, was man an den Menschen, die inem etwas bedeuten, hat, und nicht darauf warten, dass man sie eines Tages velieren könnte, um es sich erst dann bewusst zu machen.

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  4. Au Mann…. 😐

    Das geht einem richtig nahe gerade.. tut mir so leid für Dich, Matz.
    Irgendwie triffts immer die Falschen… 😦

    *einfach ausnahmsweise mal virtuell drück*

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  5. Leider kenn ich die Situation auch nur zu gut!
    Da hilft alles trösten nicht.

    Ich habe es auch selbst erfahren müssen.
    Meine Mutter starb auch, ich war damals 12 Jahre alt, und es kam auch plötzlich.

    Man kann sich nicht darauf vorbereiten, man muss es nehmen wie es kommt.
    Ich wünsch Dir auf jeden Fall viel Kraft das ganze gut durch zu stehen!

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  6. Ich danke Euch allen! Schön das Ihr da seid.

    Heute, 19.06.2008, gegen 16 Uhr, war es vorbei. Sie ist friedlich eingeschlafen und hat es überstanden. Sie hat sich einen wunderschönen Tag mit gutem Reisewetter ausgesucht. Und es ist Vollmond, das Tor ist weit offen und Sie wird gut hinüber kommen.

    Gute Reise, Mom.

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  7. Mhhh… schwer was dazu zu schreiben…. wie drückt man das am besten aus?

    Es tut mir sehr leid für dich – ist echt hart…
    und für deine Mutter ist es wohl „gut“ es endlich hinter sich zu haben… keine Quälerei mehr.

    Aber ich kenne das auch aus eigener Erfahrung… ich hatte damals (vor 6 Jahren, da war ich 20) meine Oma gepflegt…
    Ich hatte „zufällig“ (Zufälle gibts nicht) meine Ausbildung früher beendet und hatte somit Zeit für meine Oma (die neben uns wohnte) von morgens bis nachmittags da zu sein…
    Wir hatten Unterstützung vom ambulanten Pflegedienst (die waren echt sehr lieb) und meine Mutter kümmerte sich dann von mittags/nachmittags bis abends um Oma.

    Gleicher Ablauf: Chemo, Krankenhaus, Endstadium, nach Hause…
    Ich hatte meine Oma dann aus dem Krankenhaus abgeholt bzw. durfte im Krankenwagen mitfahren und meine Oma nach Hause begleiten (meine Eltern mussten arbeiten). Oma war damals einfach nur froh daheim zu sein… richtig erleichtert…
    Sie ist auch unheimlich schnell gealtert und hat nachgelassen, sich nicht mehr viel bewegen können und nicht mehr sprechen (das geht so schnell)
    aber die Augen von ihr haben immer sehr viel verraten…

    Sie hat sich ewig gequält –> über ein dreiviertel Jahr,
    bis meine Mutter abends zu ihr sagte, sie muss sich nicht quälen und kann/darf jeder Zeit gehen…

    Am nächsten Morgen ist sie dann verstorben…
    Zuvor gab es unter ihren Kindern ziemlich viel Krach.
    Die Härte war, als die von ausserhalb kommenden anfangen wollten den Keller auszuräumen und meine Oma noch oben im Wohnzimmer lag und froh war daheim zu sein…. da wäre fast meine gute Erziehung mit mir durchgegangen… naja anderes Thema.

    Ein seltsames Gefühl war es, als sie dann verstorben war. Auf der einen Seite waren wir froh, dass sie es „überstanden“ hatte und jetzt irgendwo ist, wo es kein Leiden mehr gibt und auf der anderen Seite waren wir natürlich selbst alle sehr traurig.

    Diese Erfagrung hat mich sehr verändert und ich bin dadurch „gewachsen“ und sehe den Tod jetzt anders als früher.
    Alles hat irgendwie einen Sinn, auch wenn man das in dem Moment nicht so sieht und erst Jahre danach begreift.

    Viel Kraft wünsche ich dir.

    Gruß
    Lola.

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